Smart Glasses: Praktische Helfer – aber was ist mit der Privatsphäre?
Sie sehen inzwischen fast wie ganz normale Brillen aus, können aber deutlich mehr: Smart Glasses können Fotos und Videos aufnehmen, Musik oder Telefonate wiedergeben und – je nach Modell – mit Sprachassistenten und KI-Diensten zusammenarbeiten.
Gerade die eingebaute Kamera sorgt allerdings zunehmend für Diskussionen. Denn während bei einem Smartphone meistens recht deutlich zu erkennen ist, wenn jemand die Kamera auf eine andere Person richtet, fällt das bei einer Brille wesentlich weniger auf.
Dabei sind Smart Glasses zunächst einmal weder gut noch schlecht. Entscheidend ist, wie sie verwendet werden.
Warum kauft man überhaupt eine Brille mit Kamera?
Smart Glasses verbinden eine klassische Brille mit Funktionen, die man sonst vom Smartphone oder von Kopfhörern kennt. Je nach Modell lassen sich damit Musik hören, Telefonate führen, Nachrichten senden, Fotos und Videos aufnehmen oder Sprach- und KI-Funktionen nutzen – und das weitgehend freihändig. Auch als normale Sehbrille mit Gläsern in der benötigten Sehstärke können entsprechende Modelle getragen werden.
Nicht jeder, der Smart Glasses trägt, möchte damit heimlich andere Menschen filmen. Für die Technik gibt es zahlreiche ganz alltägliche und sinnvolle Anwendungen.
Fotos oder Videos lassen sich beispielsweise freihändig aus der eigenen Perspektive aufnehmen. Das kann bei Reisen, beim Sport, bei bestimmten Arbeiten oder in Situationen praktisch sein, in denen man beide Hände benötigt.
Besonders interessant sind solche Brillen auch im Bereich der Barrierefreiheit. Blinde und sehbehinderte Menschen können beispielsweise über „Be My Eyes“ die Kamera kompatibler Smart Glasses nutzen und sich mit sehenden Helfern verbinden. Diese sehen dann das Blickfeld der Brille und können beschreiben, was sich vor der Person befindet oder bei alltäglichen Aufgaben unterstützen.
Hinzu kommen je nach Modell Funktionen wie Telefonieren, Musikhören, Sprachsteuerung oder KI-Unterstützung.
Das Problem beginnt also nicht mit der Brille – sondern dort, wo die Privatsphäre anderer Menschen missachtet wird.
Woran erkennt man, dass eine Smart Glasses aufnimmt?
Das ist nicht immer auf den ersten Blick einfach. Moderne Modelle ähneln normalen Brillen teilweise stark. Kameras befinden sich meist im vorderen Bereich des Gestells.
Bei den aktuellen Ray-Ban-Meta-Brillen beispielsweise leuchtet während einer Foto- oder Videoaufnahme eine sogenannte Capture-LED an der Vorderseite. Sie soll Menschen in der Umgebung darauf aufmerksam machen, dass die Kamera verwendet wird.
Allerdings sollte man sich nicht darauf verlassen, jede Smart Glasses oder jeden Aufnahmevorgang sofort zu erkennen. Modelle und technische Lösungen unterscheiden sich.
Darf man mit Smart Glasses einfach andere Menschen filmen?
Für die Veröffentlichung gilt grundsätzlich das Recht am eigenen Bild: Nach § 22 Kunsturhebergesetz dürfen Bildnisse grundsätzlich nur mit Einwilligung der abgebildeten Person verbreitet oder öffentlich gezeigt werden. Das Gesetz kennt allerdings Ausnahmen, beispielsweise für bestimmte zeitgeschichtliche Aufnahmen, Versammlungen oder Personen, die lediglich Beiwerk einer Landschaft oder Örtlichkeit sind.
Auch das Anfertigen einer Aufnahme kann bereits Persönlichkeitsrechte verletzen. Besonders streng wird es in geschützten und höchstpersönlichen Bereichen. Unbefugte Aufnahmen beispielsweise in Wohnungen oder gegen Einblick besonders geschützten Räumen können unter § 201a StGB fallen.
Dazu kommen Hausordnungen: Schwimmbäder, Fitnessstudios, Veranstalter, Geschäfte oder andere Einrichtungen können Foto- und Filmaufnahmen aufgrund ihres Hausrechts einschränken oder untersagen.
Eine Kamera in einer Brille ist rechtlich also kein Freifahrtschein.
Was kann ich tun, wenn ich glaube, gefilmt zu werden?
Wer den Eindruck hat, gezielt und ohne Zustimmung aufgenommen zu werden, kann die Person zunächst deutlich darauf ansprechen und erklären, dass keine Aufnahme gewünscht ist. In Schwimmbädern, Geschäften, Restaurants, auf Veranstaltungen oder in anderen Einrichtungen kann zusätzlich das Personal angesprochen werden.
Die Polizeiliche Kriminalprävention empfiehlt unter anderem, Vorfälle mit Ort, Zeit und Personenbeschreibung zu dokumentieren und bei Bedarf Anzeige zu erstatten.
Dabei gilt natürlich: Nicht jeder Mensch mit einer Smart Glasses filmt seine Umgebung. Allein das Tragen einer solchen Brille ist kein Grund, jemanden unter Generalverdacht zu stellen.
Und wenn ein Foto oder Video bereits im Internet steht?
Dieses Problem ist nicht auf Smart Glasses beschränkt. Ein unerlaubtes Bild kann genauso mit einem Smartphone oder einer normalen Kamera entstanden sein.
Wer eine unerlaubte Veröffentlichung entdeckt, sollte zunächst Beweise sichern – beispielsweise durch Screenshots, auf denen möglichst auch Nutzername, Plattform und weitere relevante Informationen erkennbar sind.
Anschließend kann der Beitrag bei der jeweiligen Plattform gemeldet und die Löschung verlangt werden. Auch gegenüber demjenigen, der das Material veröffentlicht hat, können je nach Situation Löschungs- und Unterlassungsansprüche bestehen. Bei schwerwiegenden Fällen sollte rechtliche Beratung oder die Polizei hinzugezogen werden.
Wer von digitaler Gewalt betroffen ist, kann außerdem Unterstützung beim WEISSEN RING erhalten.
Die Technik ist nicht das eigentliche Problem
Smart Glasses zeigen ziemlich gut ein Dilemma, das wir von vielen neuen Technologien kennen: Was für den einen eine praktische Alltagshilfe ist, kann für einen anderen zum Eingriff in die Privatsphäre werden.
Für einen blinden Menschen kann eine Kamera in der Brille ein Stück zusätzliche Selbstständigkeit bedeuten. Für jemanden, der damit ungefragt im Schwimmbad gefilmt und anschließend im Internet vorgeführt wird, ist dieselbe Technik etwas völlig anderes.
Deshalb muss man Smart Glasses nicht verteufeln. Aber man sollte wissen, was sie können – als Nutzer genauso wie als möglicher Gefilmter.
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